2. Ich klage an !

Stand: 01.06.2013


Wir müssen uns vor der Klimaerwärmung nicht fürchten.
Die soziale Kälte rottet uns viel früher aus!
                                                                               - Verfasser unbekannt -


Der Schlaganfall ist 2 Jahre her.


Was ist in diesen 2 Jahren geschehen . . . oder besser gesagt nicht geschehen?

1. Ein jüngerer Schlaganfall-Patient gehört nicht in ein traditionelles Alters- und Pflegeheim, wenn er schon nach der fehlenden (und doch eigentlich obligatorischen) REHA nicht nach Hause entlassen werden kann.

- Nur . . . spezielle Pflegeheime für Schlaganfall-Patienten gibt es (noch) so gut wie nicht.
- Also zwängt man sie in ein Pflegesystem hinein, das primär auf alte,
- gebrechliche oder demente Mitmenschen ausgerichtet ist.

Die KKH hat eine hilfreiche Broschüre aufgelegt, die die Schritte zur bestmöglichen Wiederherstellung nach einem Schlaganfall mit einfachen, klaren Worten erläutert.
Um den Text dieser Broschüre mit der Suchfunktion durchforsten zu können, sollte man sich diese Datei nicht nur im Browser ansehen, sondern auf den PC herunter laden und dann mit dem Adobe Reader wieder öffnen.

2. Ein Mitglied in unserem Familienverband (nachfolgend "P." genannt) erhielt im Pflegeheim keinerlei psychologische oder neurologische Unterstützung.
Aber so Medikamente wie Mirtazapin (!) und später Citalopram waren da schon drin.
Diese Medikamente gehören imho in die Hand des Neurologen oder Psychiaters.

Die nach einem Schlaganfall zu erwartende Depression (die "Erlernte Hilflosigkeit") wurde nicht fachgerecht abgefangen.
Seit dem Herbst letzten Jahres verlangt er zeitweilig von seinen Besuchern, daß sie die Tür hinter sich schließen, die Gardine zuziehen und  zieht er sich die Bettdecke über den Kopf. Alles ein Zeichen tiefer Depression und eines erlöschenden Lebenswillens.

3. Die Sanierung in Sachen MRSA-Keime setzte erst sehr spät ein.
Verstehen, was ein Mensch dabei fühlt, kann man gut, wenn man solch einen "Behinderten" mit Atemmaske in den Gemeinschaftsraum schiebt . . .
Aufgrund der späten MRSA-Sanierung wurde auch keine REHA-Maßnahme eingeleitet; solche Patienten werden von allen, auch von Therapeuten,  gemieden.

4. Das Rollstuhl-Training hat man ihm gleich zu Beginn vermiest,
indem man ihn gleich zu Anfang maßlos überfordert hatte.
5 Stunden in einem Rutsch, und das nach 5 Monaten Bettruhe.
Das halten nur wenige aus!

Beim Versuch, sein rettendes Bett zu erreichen, ist er Anfang April 2011 aus dem Rollstuhl gestürzt. Danach verweigerte er jede Rollstuhl-Sitzung, wenn er bei der betreffenden Pflegekraft eine Unsicherheit spürte oder wenn er nicht sicher sein konnte, wann man ihn wieder ins Bett zurück bringen würde.
Sein Vertrauen war gänzlich dahin.

5. Die Logopädische Begutachtung, ob er wieder feste Speisen zu sich nehmen könnte, wurde seitens der ihn betreuenden Personen oder Institutionen (Betreuer, Pflegeheim, Hausarzt) anscheinend nicht ernsthaft verfolgt, obwohl er bei seiner ersten Weihnachtsfeier im Pflegeheim bewiesen hatte, was er - bei aufrechter Körperhaltung (!) - also im Sitzen - kann.

6. Man läßt ihn (immer noch!) in fast liegender Position essen und trinken, obwohl seit langer Zeit eine klare ärztliche Anordnung bestand, die aussagte, daß er in aufrechter Position Essen sollte.
Eine interne Anweisung im Pflegeheim wies sogar in der Pflegeanleitung klar darauf hin, daß zu den Mahlzeiten darauf zu achten sei, daß er sich nicht wieder in die liegende Position begibt.
(Die moderne schnurgebundene Fernbedienung für das Krankenbett macht's leider möglich.)

7. Zwei Kurzaufenthalte im Krankenhaus hat er inzwischen hinter sich.
Warum?
Er hatte erbrochen und in dem Erbrochenem waren Spuren von Blut . . .
Das ewige Liegen ist ihm nicht bekommen und dann das Essen und Trinken im Liegen, das gibt ihm den Rest.
Sein Magen ist leicht in Richtung Oberbauch verschoben und, wenn ich das richtig verstanden habe, drückt der Mageneingang jetzt ein wenig in den unteren Teil der Speiseröhre hinein und da kommt es vermutlich zu "Reibereien" wenn er erbricht.

Anmerkung vom 1. Juni 2013
Die deshalb zu erwartende Aspirationspneumonie hat er nicht überlebt.
Er starb Anfang Februar 2013.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Heute, Ende Mai 2012, 2 Jahre nach seinem Schlaganfall
Seine rechte Seite (rechter Arm und rechtes Bein) ist weiterhin gelähmt.
Daneben hat er noch eine Sprach- und Schluckstörung und kognitive Einschränkungen.
Die Fachsprache lautet: Gemischte Aphasie und Dysphagie verbunden mit kognitiven Einschränkungen.
Inzwischen ist er dermaßen tief in seine Depression eingetaucht, daß er sich in seinem Bett verkriecht und jegliche Mobilisierung verweigert.

Ganz am Anfang sah es hoffnungslos aus, ob er jemals wieder menschenwürdig am Leben teilhaben kann.
Dann kamen gaaanz leichte Fortschritte im ersten Jahr.
In seinem zweiten Jahr wurden diese wieder zunichte gemacht.

Ich besuchte ihn fast täglich, um ihm die soziale Nähe zu geben, die jeder Mensch nach solch einer Katastrophe braucht.
Aber auch damit konnte ich ihn nicht schützen.

P. und ich sind inzwischen wieder ein gut eingespieltes Team.
Seine Erfahrungen mit mir und mit seinen anderen Brüdern sind durch den Schlaganfall glücklicherweise nicht verloren gegangen.
Er weiß, sich zu behaupten und abzugrenzen, wenn wir einmal anderer Meinung sind.

Ich führe für mich ein Tagebuch und ihm habe ich ein Gästebuch in sein Zimmer gelegt.
Aber bis auf eine einzige Pflegekraft hat niemand dort einen frommen Gruß hinein geschrieben.
Auch seine Freunde aus besseren Tagen sind rar und haben sich mir, bis auf zwei, auch nicht zu erkennen gegeben.

Und jetzt, nach 2 Jahren muß ich in einem amtlichen Papier lesen, daß ich ihn angeblich drangsaliere und "abschotte"?

Offensichtlich hat da jemand in Sachen Pflege- und Betreuungsakte ganze Arbeit geleistet.
Siehe auch meine Seite Sich kümmernder Angehöriger

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
Ist das Mediations-Gespräch als gescheitert anzusehen?

Ein mit der Heim- und Pflegeleitung geführtes Mediations-Gespräch
(unter Leitung eines Mitarbeiters eines Hamburger Pflegestützpunktes) im Spätsommer 2011 war bisher leider alles andere als erfolgreich.

Die Zusagen waren zwar recht vielversprechend . . . aber das war alles nur heiße Luft.
P. darf weiterhin zu den Mahlzeiten im Bett liegen bleiben und
in halb liegender Position seine Speisen und Getränke zu sich nehmen.

Auch in den Rollstuhl setzt man ihn kaum noch.
Anstatt ihn resolut in den Arm zu nehmen und in den Rollstuhl zu setzen
fragt man sehr zurückhaltend:
"Herr P. möchten sie heute in den Rollstuhl gesetzt werden?"

Die Antwort ist dann meist: "Nö, heute nich."
- Und alle sind's zufrieden. -
  
Die Pflegekräfte dürfen ja auch keinen "Zwang" ausüben . . . oder das, was unsereins als "resolut" bezeichnen mag.
Die Folgen eventueller Fehlentscheidungen muß P. halt selber tragen, obwohl er noch nicht in der Lage ist, diese Konsequenzen zu erkennen.

Die sichtbare Folge dieser Pflege dokumentiert sich in einer tiefen Depression.

Er verweigert inzwischen meistens seine Mahlzeiten und wird meist wieder über die Magensonde (PEG) ernährt.
Auch zieht er sich oft die Bettdecke über den Kopf . . . es sieht dann so aus, als habe man über seinen ausgemergelten Körper ein Leichentuch ausgebreitet.
Auch körperlich verfällt er immer mehr.
Zweimal war er schon im Krankenhaus, weil sein Magen nicht mehr so funktioniert, wie er sollte . . . das ständige Liegen zeigt hier auch seine Folgen.

Aufrechtes Sitzen im Rollstuhl am Tisch = kein Verschlucken *)
 = keine Atemwegsentzündungen
 = keine Bauchschmerzen beim Husten

 = größeres Wohlbefinden
 = mehr Freude am Essen und Trinken
 = mehr Lebensqualität!


*) Eine nach einem Schlaganfall zu erwartende Depression kann dadurch abgemildert werden.


~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

– Schluckstörung und Rollstuhl 

Ich führe für P. ein Tagebuch,
damit er später nachvollziehen kann, was da so nach seinem Schlaganfall alles mit ihm geschehen ist.
Außerdem soll es mir und meiner Familie dazu dienen, unsere eigene Betroffenheit zu verarbeiten und Fehlentwicklungen, während der Phase seiner Wiedereingliederung in ein halbwegs normales Leben, zu erkennen und zu korrigieren, soweit dieses überhaupt in dem gegenwärtigen System der Pflegeheime und REHA-Einrichtungen möglich ist.
Wenn dann aber Probleme auftreten und diese Sorgen und Nöte nicht ausreichend kommuniziert werden, so knirscht es zusätzlich im Getriebe so einer Pflegesituation und das kann weder im Sinne eines Pflegeheimbetreibers noch im Sinne des Pfleglings sein.

Ich verkenne nicht die derzeitige Situation in fast allen Pflegeheimen.

Fachlich gut geschultes Personal ist kaum verfügbar.
Wirklich qualifiziertes Pflegepersonal ist den Pflegeheimbetreibern vermutlich zu teuer.
Das vorhandene Pflegepersonal scheint fast immer an Zeitmangel zu leiden.
- Da bleibt dann halt manchmal der Pflegling auf der Strecke . . .
Was macht es dann da für einen Sinn, einen Schlaganfall-Patienten im Krankenhaus mit allen Raffinessen der Apparate-Medizin wieder ins Leben zurück zu holen, wenn man danach im Pflegeheim keine Mobilisation anstrebt oder diese nicht fachgerecht in die Tat umsetzt?

Eine Schluckstörung und dann ein Essen und Trinken in halb liegender Position,
das geht nicht selten daneben. Damit kann man einen Patienten auch durchaus umbringen (Lungenentzündung durch Aspiration / Aspirationspneumonie).
B's Hustenreflex ist allerdings recht gut ausgeprägt, das mildert die Situation,
strengt ihn aber sehr an und führt zu Schmerzen im Bauchbereich.
Siehe auch: Pflege-Wiiki Schluckstörung und Lagerung

Einen Pflegling im Bett liegen zu lassen und ihm den Rollstuhl vorenthalten, nur, weil dieser Pflegling seine Situation nicht einschätzen kann und aus Angst nicht wieder ins Bett zurück zu gelangen „Nö“ zum Rollstuhl sagt, das setzt der Schluckstörung noch die Krone auf; von der Verpflichtung zur Mobilisierung eines Pfleglings einmal ganz abgesehen.

Dezember 2010 (überarbeitet im September 2011)



~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Links zum Thema
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Kommentare:

  1. Ich erlaube mir hier einen link für einen neuen Blog unterzubringen.

    http://horrorszenarioaltenpflege.blogspot.de/

    AntwortenLöschen
  2. Recht so!

    Hab mir deinen neuen Blog durchgelesen und werde diesen demnächst bei mir an gut sichtbarer Stelle verlinken; bei einem Kommentar wird dieser Link leicht übersehen.

    Deinen ethischemisanthropie-Blog hab ich dabei natürlich auch gefunden.
    Aber der ist Augenpulver für meine alten Augen - gelbe Schrift auf pinky Untergrund ist nur schwer lesbar. Ich hab mir den jeweiligen Text mit der Maus markiert und bekomme dann eine weiße Schrift auf blauem Hintergrund.
    Vielleicht sollte ich mir aber auch nur einen neueren Monitor besorgen . . .

    AntwortenLöschen
  3. Danke für verlinken und Deine Rückmeldung!
    PS. Falls Dich mein nick-Wechsel verwirren sollte: Strukturminimalismus ist ein derartig langer nick, dass gelegentlich anderes dadurch verdeckt wird, also schlecht lesbar wird usw. . Deswegen dieser neue und kürzere nick.

    AntwortenLöschen
  4. Ich spreche den Punkt "ich will nicht..." an. Pfleger dürfen den Bewohner nicht zwingen zu irgendwelchen Handlungen die er nicht möchte. Leider fehlt in diesem Falle die tägliche Zeit um mit dem Bewohner zu sprechen durch das Pflegepersonal. Depressionen in diesem Umpfang sollten mit Antidepressiva und einer Gesprächstherapie behandelt werden die vom Pflegepersonal unterstützt wird. Es ist sicher kein leichter Weg aber auf Dauer der einzige.

    AntwortenLöschen
  5. Tscha lieber anonymer Schreiber/-in,

    "ich will nicht . ." wird (nach meinen Erfahrungen) in vielen Pflegeheimen oft nur respektiert, wenn dieses Verhalten des Pfleglings dem Pflegeheim nutzt (u.a. Arbeitsersparnis).
    Kommt aber so eine Willensäußerung im Tenor "Ich will hier nicht verrecken . . .", so stößt diese zu pflegende Person auf taube Ohren - so nach dem Motto: Psychologische Betreuung im Pflegeheim? Nee, sowas gibt es hier nicht . . .
    Und: Antidepressiva muntern so einen Pflegling nur auf, da ist das eher als Schlafmittel zu bezeichnende Mirtazapin doch für die Pflegekräfte eher eine Erleichterung.
    Nein, das Mirtazapin verordnete auch keine psychiatrisch gebildete Fachkraft . . .

    Die Crux ist:
    Es wird mit aller Macht und (fast) ohne Rücksicht auf die Kosten Leben gerettet, aber den Fortbestand des geretteten Lebens zu sichern, da fehlt das Geld und anscheinend auch das allgemeine Interesse!

    AntwortenLöschen
  6. Mirtazapin ist ein Antidepressiva, es wird meist abends eingenommen, weil es sehr schlaffördend wirkt. Sollte es anders verordnet gewesen sein, dann war das ein Fehler.
    Natürlich haben Pflegeheime kein psychologisch geschultes Personal. Es wäre aber durchaus denkbar (mit viel Kampf) einen Therapeuten oder Ergotherapeuten von ausserhalb ins Heim zu schicken. Meiner Mutter (90) wurde von der Krankenkasse einige Stunden Physiotherapie genehmigt, damit sie wieder mehr Bewegung nach einem Schlaganfall lernte. Das war auch psychisch wirksam, weil sie nun zweimal wöchentlich einen zusätzlichen Besuch, etwas Abwechslung bekam. Es waren nur wenige Behandlungen und es hilft schon, wenn der Pflegebedürftige merkt, dass er gepflegt und behandelt wird.

    AntwortenLöschen

Deine Meinung ist mir wichtig,
auch dann noch, wenn ich deinen Kommentar aus rechtlichen Erwägungen oder aus Gründen der Ausdrucksweise einmal nicht freischalten mag.

Eine Bitte habe ich allerdings, falls Du anonym posten möchtest:
Bitte gebe wenigstens einen Nick (Spitznamen) und den Ort an, von dem aus Du schreibst!

Rentner Anton (aka Netzgärtner)